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Messtechnik in der Prozessautomation: Grundlagen und Anwendungen

Messtechnik in der Prozessautomation: Grundlagen und Anwendungen

Wer Produktionsprozesse steuern will, muss sie zunächst verstehen – und das beginnt mit verlässlichen Messwerten. Ob Druck in einer Hydraulikanlage, Temperatur in einem Chemiereaktor oder die präzise Positionierung eines Werkstücks auf einem Förderband: Ohne robuste Messtechnik bleibt jede Automatisierung blind. Gerade in einer Zeit, in der Fertigungsbetriebe zunehmend auf vernetzte, selbstoptimierende Systeme setzen, gewinnt die Industriemesstechnik eine strategische Bedeutung, die weit über das bloße Ablesen von Messwerten hinausgeht.

Was Messtechnik in der Prozessautomation leistet

Die Prozessmesstechnik ist das sensorische Fundament jeder automatisierten Anlage. Sie erfasst physikalische und chemische Größen in Echtzeit und wandelt sie in normierte elektrische Signale um, die Steuerungs- und Regelungssysteme direkt verarbeiten können. Das Ziel ist nicht die Messung als Selbstzweck, sondern die lückenlose Rückkopplung zwischen dem realen Prozessgeschehen und der übergeordneten Steuerungslogik.

Typische Messgrößen in industriellen Prozessen umfassen:

  • Druck – in pneumatischen und hydraulischen Systemen sowie in der Verfahrenstechnik
  • Temperatur – in thermischen Prozessen, bei der Wärmebehandlung und in der Kunststoffverarbeitung
  • Durchfluss – in der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelindustrie
  • Füllstand – in Tanks, Silos und Behältern aller Art
  • Geometrische Größen – Abstände, Positionen und Maße in der Fertigungsmesstechnik

Jede dieser Größen stellt unterschiedliche Anforderungen an Sensorprinzip, Signalverarbeitung und Übertragungsprotokoll.

Sensorprinzipien und ihre Eignung

Drucksensoren

Druckmessumformer zählen zu den meisteingesetzten Messmitteln in der Prozessindustrie. Sie nutzen in der Regel piezoelektrische Elemente, Dehnungsmessstreifen oder kapazitive Membranen, um mechanischen Druck in ein analoges Ausgangssignal (typischerweise 4–20 mA) oder ein digitales Feldbussignal zu konvertieren. Entscheidend für die Auswahl ist neben dem Messbereich die Medienverträglichkeit – aggressive Medien erfordern Edelstahl- oder Keramikmembranen – sowie die geforderte Schutzklasse nach IP-Standard.

Temperatursensoren

Bei der Temperaturmessung stehen zwei Hauptprinzipien im Wettbewerb: Thermoelemente (TC) decken hohe Temperaturbereiche bis über 1000 °C ab und reagieren schnell, während Widerstandsthermometer (RTD), insbesondere Pt100 und Pt1000, bei moderaten Temperaturen eine höhere Messgenauigkeit und bessere Langzeitstabilität bieten. Für berührungslose Messungen – etwa auf Förderbändern oder an rotierenden Teilen – kommen Infrarotsensoren und Pyrometer zum Einsatz.

Optische Sensoren und Bildverarbeitung

Optische Messtechnik hat sich in den vergangenen Jahren von der reinen Qualitätssicherung zur integralen Komponente automatisierter Produktionslinien entwickelt. Lichtschrankensysteme, Laser-Triangulationssensoren und industrielle Kamerasysteme ermöglichen berührungslose Geometriemessungen, Oberflächeninspektion und Positionserkennung mit Wiederholgenauigkeiten im Mikrometerbereich. Besonders in der Halbleiter-, Automobil- und Elektronikfertigung sind kamerabasierte Bildverarbeitungssysteme heute Standard.

Integration in Steuerungssysteme

Ein Sensor allein schafft noch keinen automatisierten Prozess. Erst die durchgängige Integration in die Steuerungsarchitektur – von der Feldebene über die Prozessleittechnik bis zur MES- und ERP-Schicht – macht Messtechnik produktiv.

Feldbuskommunikation

Moderne Sensoren kommunizieren längst nicht mehr ausschließlich über analoge 4–20-mA-Signale. Digitale Feldbusprotokolle wie PROFIBUS, PROFINET, EtherNet/IP oder IO-Link ermöglichen bidirektionale Kommunikation: Der Sensor liefert nicht nur Messwerte, sondern auch Diagnosedaten, Geräteparameter und Statusinformationen. Das vereinfacht Inbetriebnahme, Wartung und vorausschauende Instandhaltung erheblich.

IO-Link verdient dabei besondere Erwähnung, da es als herstellerunabhängiger Punkt-zu-Punkt-Standard zunehmend klassische analoge Signalwege ablöst und eine einfache Parametrierung direkt aus dem Leitsystem erlaubt.

SPS und Prozessleittechnik

Die erfassten Messsignale fließen in speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) oder in übergeordnete Prozessleitsysteme (PLS). Dort werden Regelkreise geschlossen: Ein Druckaufnehmer meldet einen Unterdruck, die SPS öffnet ein Ventil – in Millisekunden, zuverlässig, ohne manuelle Eingriffe. Die VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik hat für dieses Zusammenspiel umfangreiche Richtlinien erarbeitet, die von der Kalibrierung bis zur Messunsicherheitsberechnung reichen.

Kalibrierung und Rückführbarkeit

Messdaten sind nur so wertvoll wie ihre Zuverlässigkeit. Im industriellen Umfeld sind regelmäßige Kalibrierungen daher keine Empfehlung, sondern vielfach Pflicht – insbesondere in regulierten Branchen wie der Pharmazie, der Lebensmittelverarbeitung oder der Luftfahrtindustrie.

Die Kalibrierung stellt die Rückführbarkeit auf nationale und internationale Normale sicher, in Deutschland über die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB). Ein kalibriertes Druckmessgerät liefert nicht nur einen Messwert, sondern auch eine dokumentierte Aussage über seine Messabweichung – eine Grundvoraussetzung für jedes funktionierende Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 oder IATF 16949.

Herausforderungen in der Praxis

Trotz ausgereifter Technologie gibt es typische Fehlerquellen, die Praktiker kennen sollten:

Einbaulage und Umgebungseinflüsse: Vibration, elektromagnetische Störfelder und extreme Temperaturen an der Einbaustelle können Messergebnisse verfälschen. Eine sorgfältige Auswahl des Messgeräts und eine normgerechte Installation sind daher ebenso wichtig wie die Sensorspezifikation selbst.

Messbereichsauslegung: Ein zu groß gewählter Messbereich verschlechtert die Auflösung im Betriebsbereich; ein zu knapp gewählter führt zu Überlastschäden. Die goldene Regel lautet: Der Arbeitspunkt sollte bei 60–80 % des Nennmessbereichs liegen.

Signallaufzeiten und Latenz: In schnellen Regelkreisen – etwa bei hydraulischen Pressen oder Hochgeschwindigkeitsabfüllanlagen – können Signallaufzeiten und Verarbeitungszeiten die Regelgüte beeinflussen. Hier spielen Abtastrate und Prozessorgeschwindigkeit der Steuerung eine entscheidende Rolle.

Ausblick: Messtechnik im Zeitalter von Industrie 4.0

Die Grenzen zwischen Messsystem und IT-Infrastruktur verschwimmen zusehends. Intelligente Sensoren mit integrierter Datenvorverarbeitung, Edge-Computing-Fähigkeiten und direkter Cloud-Anbindung verändern, wie Messdaten genutzt werden. Statt Rohdaten in die SPS zu senden, analysiert der Sensor lokal und meldet nur noch Abweichungen oder aggregierte Kenngrößen – das entlastet Netzwerke und Steuerungen erheblich.

Laut dem ZVEI – Verband der Elektro- und Digitalindustrie ist die Verbindung von Mess- und Automatisierungstechnik einer der zentralen Treiber der digitalen Transformation im produzierenden Gewerbe. Unternehmen, die heute in eine durchgängige Messtechnikinfrastruktur investieren, schaffen die Datenbasis für vorausschauende Wartung, digitale Zwillinge und KI-gestützte Prozessoptimierung.

Die Messtechnik ist dabei weit mehr als ein technisches Hilfsmittel – sie ist das Nervensystem moderner Produktion.